Die Abreise

Die Koffer (viel zu viel) für unsere dreiwöchige Malaysia-/Borneo-Reise sind gepackt, es kann losgehen. Habe ich an alles gedacht? Monique und Peter bringen uns nach Bern an den Bahnhof. Mit ein paar Minuten Verspätung trifft der Zug am Flughafen Zürich-Kloten ein. Das Gepäck ist schnell abgegeben, da wir gestern bereits übers Internet eingecheckt haben. Verwirrung stiftet, dass der nächste Flug (nach Mulu) mit Malaysian Airlines ebenfalls bereits auf dem Flugticket von Emirates vermerkt ist. Die Zeit am Flughafen vergeht sehr schnell, und schon sitzen wir im Flugzeug Richtung Dubai. Der Flug von sechs Stunden dauert dann allerdings ewig, trotz guten Filmen (Australia und Slumdog Millionaire). Das neue Unterhaltungssystem mit dem Touchscreen überzeugt jedoch nicht ganz. Mitten in der Nacht landen wir in Dubai. Der Security Check ist sehr genau. Sogar die Uhr müssen wir ablegen. Der Flughafen von Dubai ist gewaltig. Allein dafür lohnt sich einmal ein Flug mit Emirates. Sonst lässt der Service zu wünschen übrig (keine Socken, keine Augenbinden, wenig Wasser).

Einige weiterreichende Erklärungen in diesem Blog zu Malaysia und Borneo habe ich dem Buch „Die Frau des Schamanen“ von Hanne-Lore Heilmann entnommen.

Selamat Datang – Herzlich willkommen

Bald dürfen / müssen wir ins nächste Flugzeug steigen. Dieses Modell ist älter und ein wenig unkomfortabler. Es wird gekühlt, bis alle sich in Decken hüllen und husten. Ob damit allfälligen Viren der Garaus gemacht werden soll? Ein wenig schlafen können wir. Das Morgenessen ist zu üppig. Omelette, Spinat und Bratkartoffeln am Morgen mag ich nicht. Und die ganze Zeit essen und rumsitzen ist auch nicht gesund.
Kurz nach zwei Uhr nachmittags landen wir in Kuala Lumpur. Mittels einer Wärmekamera werden alle Ankömmlinge gecheckt, ob sie Fieber haben und deshalb als Schweinegrippe-Träger in Frage kommen. Nachdem endlich unser Gepäck auftaucht, kaufen wir uns ein Ticket für ein Taxi (ca. Fr. 30.–), und los geht es in halsbrecherischer Fahrt Richtung Zentrum. Mir fallen die vielen Palmen auf, die am Stamm grösstenteils mit Farnen bewachsen sind. Dann tauchen riesige Einfamilienhaussiedlungen auf. Jedes Haus sieht genau gleich aus. Nachdem sich der Himmel bereits bei der Landung Wolken verhangen präsentiert hat, blitzt es nun, und Petrus öffnet die Schleusen. Es ist, als würden wir wie durch eine Waschanlage fahren. Endlich erreichen wir das Hotel Renaissance. Wir bekommen ein Upgrade, und als wir das Zimmer betreten, verschlägt es uns fast die Sprache: gross und schön, wie dies nur Asien zu einem vernünftigen Preis bieten kann. Die Aussicht vom 10. Stock (Zimmer 19) ist atemberaubend. Links die zwei Petronas Towers, rechts der hohe Kuala Lumpur Tower und vor uns diverse riesige Bauten. Nach einer Verschnaufpause wagen wir es nach draussen. Es hat noch immer sehr viel Verkehr, und eine Strasse zu überqueren ist lebensgefährlich. Wir gehen zu den Petronas Towers und bleiben staunend stehen, als sie sich vor uns mit 452 Metern und 88 Stockwerken in die Höhe strecken. Ein gewaltiges und eindrückliches Bauwerk! Darin befinden sich auch ein Shoppingcenter sowie diverse Restaurants. Wir schlendern durch und entscheiden uns dann für ein Abendessen vom Food Court. Für nur fünf Franken inklusive Getränke essen wir vorzüglich! Schon früh sind wir zurück im Hotel, denn wir sind müde von der langen Reise. Und so sind wir bereits um halb neun im Bett.
Malaysia, einer der so genannten Tigerstaaten, liegt genau in der Mitte von Südostasien und umfasst 243’000 Quadratkilometer. Dabei hat Malaysia etwa die gleiche Grösse wie Japan, allerdings mit knapp 24 Millionen wesentlich weniger Einwohner als Japan (ca. 127 Millionen). Malaysia ist eine konstitutionelle, parlamentarisch-demokratische Wahlmonarchie. Das repräsentative Staatsoberhaupt ist der König, der alle fünf Jahre aus den Reihen der Herrscher der neun Sultanate nach dem Rotationsprinzip ausgewählt wird. In den elf Bundesstaaten auf der Malaysischen Halbinsel, die 40 Prozent der Gesamtfläche ausmacht, leben rund 86 Prozent der Bevölkerung, der Rest in den Bundesstaaten Sarawak und Sabah auf Borneo, 640 Kilometer entfernt. Malaien und die Stämme der Ureinwohner bilden etwa die Hälfte der Bevölkerung Malaysias, die andere Hälfte setzt sich hauptsächlich aus Chinesen und Indern zusammen.
Malaysia gehört zu den weltgrössten Zinn-, Palmöl- und Gummiproduzenten. Seit Beginn der 1990er Jahre erfolgte zudem eine rasante industrielle Entwicklung. Malaysia gilt ökonomisch und politisch als eines der stabilsten Länder Südostasiens.
Obwohl Malaysia ein islamischer Staat ist, herrscht Religionsfreiheit. Christen, Buddhisten, Muslime und Hindus leben friedlich miteinander. Und das ist von staatlicher Seite auch so gewollt. Anders liesse sich dieses Land, dessen Bevölkerung zu achtundvierzig Prozent aus Malaien, zu dreissig Prozent aus Chinesen, zu zehn Prozent aus Indern und zu zwölf Prozent aus Angehörigen von Eingeborenenstämmen besteht, wohl kaum regieren.

Die Reise geht weiter

Um sechs klingelt der Wecker. Wir haben gar nicht so schlecht geschlafen – Schlaftablette sei dank. Trotzdem sind wir noch etwas müde. Wir geniessen ein ausgiebiges Frühstück im Hotel. Das riesige Buffet lässt keine Wünsche offen. Nachdem wir gepackt und ausgecheckt haben, führt uns der gleiche Taxichauffeur wie gestern an den Flughafen. Um zehn sitzen wir im Flieger, der uns nach Ostmalaysia auf die Insel Borneo bringt.
Interessant zu wissen ist, dass Borneo nach Grönland und Neuguinea mit 743’122 Quadratkilometern die drittgrösste Insel der Welt ist, nur hier und auf der benachbarten Insel Sumatra die letzten, vom Aussterben bedrohten Orang Utans leben, dass auf Borneo der älteste tropische Regenwald der Welt wächst, dass auf dieser Insel drei verschiedene Länder vereint sind: die zu Malaysia gehörenden Staaten Sarawak und Sabah, das indonesische Kalimantan und das Sultanat Brunei, und dass hier, gleich in der Nähe des Äquators, das für Europäer am schwersten zu verkraftende Klima herrscht, mit Temperaturen bis zu über 40 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent.
Nach einer Zwischenlandung in Kuching, der Hauptstadt des Bundesstaates Sarawak, erreichen wir Miri. Das Gepäck haben wir bereits bis Mulu einchecken können, so haben wir kein Problem mit der Gewichtslimite von eigentlich 15 kg pro Gepäckstück. Unsere Taschen sind beide ca. 21 kg schwer. Nach Miri besteigen wir das letzte und bis jetzt kleinste Flugzeug, das uns ans heutige Ziel bringt: Der Mulu Nationalpark. Er ist eine 544 Quadratkilometer grosse, geschützte Dschungelregion, ein Paradies mit dem grössten Höhlensystem und den letzten Dschungelnomaden der Welt, den Penan. Wir werden abgeholt und ins Royal Mulu Resort gebracht. Ein junger Mann erklärt uns das Programm des nächsten Tages. Dann beziehen wir unser Zimmer (210), welches sehr gross ist. Nachdem wir uns umgezogen haben, gehen wir auf Foto-Safari im ganzen Resort. Der Jüngling schlägt uns vor, auf einen gegenüber liegenden Hügel zu klettern. Das Angebot nehmen wir gerne an. Der steile Aufstieg lohnt sich. Die Sicht ist sehr schön. Die Hitze (35 Grad) und die Luftfeuchtigkeit (80 %) machen uns zu schaffen, das heisst, wir müssen uns erst noch an sie gewöhnen. Nach der wohltuenden Dusche gehen wir essen. Dazu wird eine Folklore-Show der Einheimischen gezeigt. Ich kann mich nicht richtig dafür begeistern. Denn ich denke, dass die Einheimischen diese Traditionen kaum mehr pflegen und dies nur für die Touristen vorführen. Dani wird aufgefordert, durch ein Blasrohr auf einen Ballon zu zielen. Beim zweiten Anlauf klappt es, und der Ballon platzt. Für ein Blasrohr wird ein schlankes, gerades Baumstämmchen auf teilweise mehrere Meter Länge exakt gleichmässig durchbohrt, damit der Pfeil gerade fliegt. Danach genehmigen wir uns einen Drink an der Bar und sehen den Fledermäusen zu, wie sie im Lichte der Scheinwerfer über dem Fluss Insekten jagen.
Der Bundesstaat Sarawak stand lange Zeit unter der restriktiven Verwaltung des Sultanats Brunei. Damals lebten die Stämme alles andere als friedlich miteinander. Sie versuchten, möglichst grosse Gebiete in ihren Besitz zu bringen und auch dem Sultan von Brunei den Tribut vorzuenthalten. 1839 kam es zu blutigen Aufständen, in die der englische Abenteurer James Brooke mit seiner Fregatte „The Royalist“ hineingeriet. Er hatte kurz zuvor wegen seiner Verwundung seine Karriere bei der British East India Company aufgeben müssen. Brooke unterstütze den Sultan und besiegte dank der überlegenen Feuerkraft seines Schiffes die Aufständischen. Als Dank wurde ihm der Titel „Rajah“ verliehen, und am 24. September 1841 ernannte ihn der Sultan zum Herrscher über ein Gebiet, das sich von Tanjung Datu im Westen bis zum Batang Samarahan, nur wenige Kilometer östlich von Kuching, erstreckte. So entstand die Dynastie der „Weissen Rajahs“, die über hundert Jahre in Sarawak regierte. In den folgenden Jahren dehnte Brooke seine Herrschaft immer weiter aus, wobei er sowohl den Ureinwohnern Rechte einräumte als auch Unruhen immer wieder blutig niederschlug. Als James Brooke im Jahr 1868 starb, folgte ihm sein Neffe Charles Brooke. Er herrschte über das Gebiet, das heute Sarawak heisst. Nach Charles Tod übernahm sein Sohn Charles Vyner die Herrschaft. Als Sarawak 1941 von den Japanern besetzt wurde, befand er sich gerade in Australien. Erst nach der Kapitulation der Japaner im Jahr 1945 kehrte er nach Sarawak zurück. Doch er hatte offenbar das Interesse an seinem Land verloren und trat es im Mai 1946 an die Briten ab. Am 1. Juli 1946 wurde Sarawak offiziell britische Kronkolonie. Anders als das heutige Westmalaysia, das 1957 unabhängig wurde, entliessen die Briten Nordborneo erst 1962 in den Staatenbund der malaysischen Föderation.

Die Höhlen von Sarawak

Um sieben steigen wir aus den Federn. Das Frühstück wird unten beim Fluss an einem langen Tisch zusammen mit den anderen Touristen eingenommen. Um halb neun besteigen wir ein Langboot und fahren auf dem Melinau River flussaufwärts. An diesem Fluss leben Einheimische. Die Kinder baden, Frauen waschen ihre Wäsche. Vieles scheint hier noch sehr ursprünglich zu sein. In Sarawak gibt es 23 Völkerstämme. Sie sprechen alle eine andere Sprache und können sich untereinander nicht verstehen. Unterwegs halten wir an und gehen an Land. Auf Plakaten erfahren wir mehr zu den verschiedenen Stämmen, und wir haben Gelegenheit, Handwerk vom Stamm der Penan zu kaufen. Ich kaufe mir eine Kette, welche unter anderem aus getrockneten Früchten hergestellt ist. Dann fahren wir weiter mit dem Boot bis zur ersten Höhle. Unser Park-Guide gehört auch zum Stamm der Penan. Er bringt uns in die Wind Cave. Interessante Steinformationen sind zu sehen und zwischendurch weht tatsächlich ein Wind durch Felsöffnungen. Diese Höhle ist bekannt für ihre grossen, schlanken Stalaktiten und Stalagmiten. In den meisten Höhlen ist es sehr kühl. Aber hier dürfte es immer noch 25 Grad warm sein. Da uns der Schweiss nur so herunter läuft, ist dies trotzdem eine Abkühlung. Nach einer Pause mit Tee und Biskuits sind wir gestärkt für die zweite Höhle: Die Clearwater Cave. Sie ist mit 51 Kilometern die längste Höhlenpassage der Welt und verfügt mit 106 Kilometern über das längste unterirdische Wassersystem Südostasiens. Es ist schon speziell, in einer Höhle einen Fluss zu sehen. Wir haben schon viele Höhlen besucht, aber ich glaube, wir haben noch in keiner fliessendes Gewässer gesehen. Zwischendurch fliegen Fledermäuse durch die Höhle. Nach der Anstrengung – bis zum Höhleneingang waren es 200 Stufen hinauf und natürlich wieder 200 Stufen herunter, gibts ein Mittagessen, das unser Tour-Guide mitgebracht hat: Reis (was sonst!) zwei Sorten Gemüse und Fisch. Zum Dessert geniessen wir diese kleinen, leckeren Banänchen. Mit dem Boot fahren wir zum Hotel zurück. Diesmal geht die Fahrt schneller, denn wir fahren mit dem starken Strom. Unterwegs sehen wir den ersten Nashornvogel (Hornbill), der sich von einem Mann füttern lässt. Der Nashornvogel ist übrigens nicht irgendein grosser Vogel auf Borneo. Mit seinem riesigen, von einem Horn gekrönten Schnabel ist er das Wappentier Sarawaks; dem Volk der Iban gilt er sogar als Zaubervogel, der Botschaften aus der Geisterwelt bringt. Die runden Knopfaugen und die Anordnung des bunten Gefieders am Kopf erwecken den Eindruck, als hätte dieser Vogel mit freundlicher Strenge und konzentrierter Aufmerksamkeit wichtige Aufgaben zu erledigen. Dies ist in der Tat so. Der Nashornvogel ist der Meister des Regenwaldes. Er ist ständig damit beschäftigt, Fruchtsamen und Nüsse zu verstreuen. Dank ihm wachsen die Pflanzen so gut verteilt. Natürlich ernährt er sich auf von diesen Samen und Nüssen, aber ausserdem auch von Früchten und Beeren. Manche Arten fressen sogar kleine Schlangen und Fledermäuse. Fast alle Nashornvögel leben auf Bäumen. Dabei sind sie sehr gesellig. Ausserhalb der Brutzeit treffen sich an gemeinschaftlichen Schlafplätzen manchmal mehr als hundert Tiere. Doch das wunderbarste an den Nashornvögeln ist, dass sie die grosse Liebe kennen und als unzertrennliche Paare leben. Kommt ein Partner um, stirbt der andere zwei, drei Monate später an Liebeskummer. Diese grosse Liebe bringt den Nashornvogel auch in Gefahr: Wenn eines der beiden Tiere von einem Jäger getötet wurde, sucht das andere aufgeregt und verzweifelt an der Stelle nach seinem Partner, an der es ihn zuletzt gesehen hat, und wird dabei selbst zur leichten Beute. Auch die Aufzucht des Nachwuchses teilen sich die Nashornvogel-Pärchen. Sie brüten in Baumhöhlen, die sie zumauern. Dabei sperrt sich das brütende Weibchen mit ein. Ihr Kot wird, vermischt mit Schlamm, als Bindemittel zum Mauern benutzt. Nur ein kleines Loch bleibt frei. Durch diese Öffnung reicht das Männchen das Futter an. Die ein bis drei Jungen, die ausschliesslich mit Insekten ernährt werden, sind so vor Nesträubern geschützt. Sind die Jungen flügge, hackt das Weibchen von innen die Höhle auf, verlässt sie und ist wieder mit dem Männchen vereint.
Zurück im Hotel, flüchten wir in unser klimatisiertes Zimmer. Nach der Mittagspause werden wir abgeholt und mit einem Auto zum Nationalpark gefahren. Wir gehen 3.5 Kilometer auf einem Bretterweg durch den Regenwald bis zur ersten Höhle. Viele Pflanzen des Regenwaldes kennen wir bereits von Australien. Einzig bei den Tieren staunen wir. Alles scheint hier grösser zu sein. Riesige Kakerlaken, Falter, Schmetterlinge usw. Die Geräuschkulisse ist ebenfalls gewaltig. Alles, was einen Ton von sich geben kann, macht Lärm. Nach einer guten Stunde erreichen wir Lang Cave. Sie erhielt ihren Namen von einem Guide, der sie im Jahre 1979 entdeckte. Sie ist mit nur 25 Metern die kleinste der vier Höhlen, die wir heute besuchen. Sie ist sehr schön, zumal die Decke sehr tief ist. Weiter gehts in die Deer Cave. Sie verfügt mit einer Breite von 150 Metern und einer Höhe von 120 Metern über den grössten Höhleneingang der Welt. Sie ist wirklich riesig. 150 Kilometer sind erforscht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass das nur ein kleiner Teil dieses grössten Höhlensystems der Welt ist. Zwei Kilometer davon sind begehbar. Die Höhle wird von Millionen von Fledermäusen bewohnt. Wenn man an die hohe Felsdecke schaut, glaubt man, überall riesige schwarze Löcher zu sehen. Dies sind jedoch Populationen von Millionen von Fledermäusen. Ihre Exkremente, die überall verteilt auf dem Boden liegen, stinken dementsprechend und werden deshalb auch spasseshalber Mulu-Parfum genannt. Die seitliche Felsformation einer höher gelegenen Öffnung entspricht dem Profil von Abraham Lincoln. Abends sollen die Fledermäuse in grossen Gruppen aus dem riesigen Höhleneingang fliegen. Also setzen wir uns dort auf die Bänke und warten…Über eine Stunde lang. Aber nichts passiert. Um sechs Uhr beschliessen wir, die Übung abzubrechen und die 3.5 Kilometer zurück zu marschieren. Wir sind noch nicht weit gegangen, als wir am Himmel doch noch ein paar Horden Fledermäuse sehen, die die Höhle verlassen haben. Die Geräusche sind wiederum gewaltig. Nun hört man auch noch Frösche quaken. Ungefähr 1 Kilometer vor Ende unseres Weges beginnt es zu regnen. Bis wir uns entschliessen, unsere Regenjacken anzuziehen, sind wir bereits nass. Na ja, wir sind ja schliesslich im Regenwald. Völlig durchnässt kommen wir endlich zur Strasse, wo wir mit dem Auto zurück ins Hotel gebracht werden. Endlich können wir aus unseren nassen Kleidern schlüpfen. Dabei entdecke ich, dass zusätzlich zu meinen vier Mückenstichen vom Morgen noch sieben weitere an den Beinen hinzu gekommen sind. Diese Mistviecher! Dani hat übrigens keinen einzigen abbekommen. Nach diesem anstrengenden Tag gönnen wir uns am Anschluss an das Abendessen noch einen Drink an der Bar und sehen uns dazu das Formel 1-Qualifying aus Monaco an. Als wir später im Bett liegen, und ich einzuschlafen versuche, setzt sich etwas vor unsere Türe und gibt Laute von sich. Ich denke, dass es sich um einen dieser wild herumstreuenden Hunde handelt, muss jedoch später feststellen, dass es wohl eine Eule war.

Über dem Regenwald

Unser gebuchtes Programm sieht für heute nur den Flug nach Kota Kinabalu vor. Deshalb haben wir beschlossen, eine Canopy-Tour zu buchen. Allerdings erst für halb elf, damit wir ausschlafen und gemütlich frühstücken können. Wir lassen wir uns zum Nationalpark fahren und starten unsere Tour. Einen Teil, das heisst eineinhalb Kilometer müssen wir den gleichen Weg wie gestern auf einem Holzweg durch den Regenwald gehen. Dann führt uns eine Abzweigung zu einer Treppe. Dort steigen wir auf rund 20 Meter hoch. Über schmale, lange Hängebrücken gehen wir von Plattform zu Plattform und befinden uns in luftiger Höhe zwischen den Baumkronen oder zum Teil auch einige Meter darunter. Tiere sehen wir keine, obwohl man hier im Mulu Nationalpark bis jetzt 67 Säugetier-, 262 Vogel-, 74 Frosch-, 47 Fisch-, 281 Schmetterlings- und sagenhafte 458 Ameisenarten zählte. Die meisten sind ihrem Lebensraum in Form und Farbe so perfekt angepasst, dass ein Dschungel-Laie glauben könnte, der Regenwald sei frei von Tieren. Es gibt Käfer, die wie kleine Stöcke aussehen, Raupen, die sich zu steinartigen Kugeln zusammenrollen und natürlich jede Menge Schlangen, die so auf den Ästen liegen oder in den Bäumen hängen, als seien sie ein Teil von ihnen. Manchmal gleiten Tiere auch einfach nur vorbei, ohne dass man sie bemerkt. Zu ihnen gehören die Gleithörnchen, die Flughäute zwischen Armen und Beinen ausbreiten können und so grössere Distanzen überwinden. Was den Säugern recht ist, ist anderen Arten billig. So haben beispielsweise der Borneofrosch und der Flugdrache ‘Draco’ Spannhäute entwickelt, mit denen sie durch das Gewirr der Bäume segeln. Aber eben, wir hören nur den unbeschreiblichen Lärm von ein paar Tieren. Hauptsächlich von Zikaden, eine Art fliegender nachtaktiver Käfer. Während des Tages relaxen sie auf den Bäumen und machen dazu mit den Hinterbeinen dieses Geräusch, um Weibchen anzulocken. Ich finde ein solcher Regenwald immer wieder interessant. Auf den ersten Blick herrscht ein Chaos. Die Pflanzen wachsen kreuz und quer und übereinander. Aber das Ganze hat natürlich seine Ordnung. Neben den rund 4’000 Baumarten, die es hier auf Borneo gibt, gibt es die so genannten Aufsitzerpflanzen. In Astgabeln oder auf Ästen, an Felsen und Baumstämmen setzen sich diese Gewächse, beispielsweise Orchideen, Geweihfarn oder Vogelnestfarn, fest, um möglichst weit nach oben zum Licht zu gelangen. Allein im Mulu Park wurden bisher über 3’500 Pflanzenarten gezählt, darunter mehr als 1’500 Blütenpflanzen, 170 Orchideen- und zehn Kannenpflanzenarten. Hier in der Höhe sind auch wir mehr der Sonne ausgesetzt und schwitzen entsprechend. Nachdem wir die 480 Meter dieser nicht ganz SUVA-konformen Einrichtung hinter uns gebracht haben, steigen wir ab, nehmen den Rückweg unter die Füsse und fahren ins Hotel zurück. Wir sind völlig nass geschwitzt und stellen uns zuerst unter die Dusche, bevor wir unsere Taschen für die Weiterreise packen. Dann gehts zum Flughafen, wo wir das Flugzeug nach Kota Kinabalu mit einer Zwischenlandung in Miri besteigen.
Kota Kinabalu ist die Hauptstadt des malaysischen Bundesstaates Sabah und hat rund 350’000 Einwohnern, rechnet man die Bewohner der Vorstadtgebiete dazu, dann sind es rund 900’000. Der Name setzt sich aus kota, dem malaysischen Wort für „Stadt“ und kinabalu, dem 45 Kilometer östlich gelegenen höchsten Berg Südostasiens, zusammen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt von den Japanern besetzt und von den Alliierten durch Bombenangriffe fast komplett zerstört. Nur drei Gebäude blieben stehen. Nach dem Krieg löste das wiederaufgebaute Kota Kinabalu Sandakan als Hauptstadt Sabahs ab. Und gleich noch ein paar Worte zu Sabah: Sabah ist mit einer Fläche von 73’619 Quadratkilometern nach Sarawak der kleinere Bundesstaat auf Borneo. Wegen seiner Lage unterhalb des Taifungürtels wird er auch „Land unter dem Wind“ genannt. In Sabah leben heute 32 verschiedene Ethnien, vor allem Malaien und Chinesen.
In Kota Kinabalu, holt uns Jenny, unsere Reisebegleiterin, ab. Da es bereits halb sechs ist, haben wir keine Zeit, zuerst ins Hotel zu gehen und uns umzuziehen. Stattdessen fahren wir auf den Signal Hill, von welchem wir einen schönen Ausblick auf die Stadt, das Meer und die fünf vorgelagerten Inseln haben. Dann fahren wir ans Meer, um den Sonnenuntergang zu sehen. Die Sonne versteckt sich jedoch hinter den Wolken. Und so gehts weiter zum Nachtmarkt. Dort haben wir eine halbe Stunde Zeit, um das Angebot so nach dem Motto „alles, was du nicht brauchst, auf einen Blick“ zu begutachten. Dazu stinkt es fürchterlich nach Abwasser, so dass mir fast schlecht wird. Kota Kinabalu ist mit 600’000 Einwohnern einer dieser Grossstädte, die einfach schrecklich und dreckig sind. So sind wir froh, als uns Jenny abholt und uns in Restaurant fährt. Als sie uns sagt, dass es ein Seafood-Restaurant ist, bin ich nicht glücklich. Das Essen ist dann allerdings nicht so schlecht. Suppe, Reis, Krevetten, Fisch, aber auch zwei Sorten Gemüse und zum Dessert Papaya. Dazu werden traditionelle Tänze aufgeführt, wie wir sie bereits in Mulu gesehen haben. Danach bringt uns Jenny ins Hotel Promenade (Zimmer Nr. 805), und es bleibt uns noch Zeit, die letzten Runden des Formel 1-Rennens im Fernsehen zu schauen. Formel 1 wird auch vor und hinter dem Hotel geboten: Beidseits führt eine stark befahrene Strasse vorbei. Zudem herrscht Flugverkehr bis morgens und zwei und dann wieder ab sechs Uhr morgens.

Kälteeinbruch

Schlecht geschlafen. Der Jetlag sollte doch nun vorbei sein. Nach dem Frühstück holt uns Omar, unser neuer Guide, ab. Wir sind froh, diese Grossstadt verlassen zu können. Obwohl, als wir das Zentrum verlassen haben, präsentiert sich Kota Kinabalu von seiner schöneren Seite. Die über 2 Kilometer lange Waterfront ist neu und sehr schön. Der Hafen, der zweitgrösste Malaysias, ebenfalls. Ein riesiges Universitätsgelände präsentiert sich auch sehr ansehnlich. Omar redet und redet. Ich schaffe es gar nicht, mir all die interessanten Sachen zu merken. Bei einer Hängebrücke stoppen wir und können ein paar Fotos machen. Dort gibt es eine spezielle Pflanze, eine Sorte der Mimosen. Wenn man deren Blätter berührt, falten sie sich zusammen und öffnen sich erst eine Stunde später wieder. Der Crocker Range entlang gehts weiter. Der zweite Halt erfolgt bei einem Aussichtspunkt auf den Mount Kinabalu, welcher 4’102 Meter in die Höhe ragt und die höchste Erhebung zwischen dem Himalaya und Papua Neuguinea darstellt. Wir besuchen auch einen Markt, den Nabalu Native Market, wo verschiedene Handarbeiten, aber auch Früchte verkauft werden. Kurz vor Mittag erreichen wir den Mount Kinabalu Nationalpark, welcher seit dem Jahre 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und über eine Fläche von 75 Quadratkilometern verfügt. Zuerst besuchen wir die Poring Hot Springs. Diese Quellen wurden im zweiten Weltkrieg von den japanischen Besatzern erschlossen. Das schwefelhaltige Wasser dieser Quellen ist ca. 50 Grad warm, wenn es auch den Felsen kommt. In kleinen Pools, in welchen das heisse Quellwasser mit kaltem Wasser gemischt wird, kann man baden. Wir verzichten darauf und gehen weiter zum Canopy Walk. Der Weg, bis man den Start erreicht, ist etwas beschwerlich. Obwohl es bei weitem nicht mehr so heiss ist wie in Mulu, schwitzen wir. Der Canopy Walk liegt 41 Meter über dem Boden. Die schmalen Hängebrücken, welche die Plattformen an den Bäumen miteinander verbinden, schwanken jeweils bedrohlich, wenn wir darüber gehen. Aber es lohnt sich, denn wir haben gleich zwei Mal Glück. Zum einen entdecken wir ein Giant Squirrel, ein pelziges Tierchen, welches sich zumeist in den Bäumen versteckt und sich sehr schnell bewegt. Und zum anderen eine Zikade, dieses Insekt, welches diesen Lärm macht. Wir erfahren übrigens auch viel über die Pflanzen. So gibt es beispielsweise den Wild Ginger, also wilden Ingwer. Wenn man ein Blatt der Blume zerteilt, riecht es nach Ingwer und kann gerieben gegessen werden. Und der Samen der Hilconia-Blume riecht ebenfalls, entzweit, nach Bananen. Unser Mittagessen haben wir uns nun verdient. Danach ist es bereits Zeit, Richtung Hotel zu fahren. Dazu müssen wir ein gutes Stück zurückfahren, was ein Planungsfehler in unserem Programm darstellt. Unterwegs besuchen wir einen Supermarkt und staunen über das Angebt, welches uns gar nicht so fremd ist. Die Produkte der Multis wie Nestlé und Kraft sind halt überall zu finden. Etwas nach drei Uhr erreichen wird die Hill Lodge, unsere Bleibe für eine Nacht. Das Zimmer (Nr. 2) ist sehr schön und geräumig. Gleich vor uns liegt eigentlich der Mount Kinabalu. Aber dieser hüllt sich in Nebel. Wir unternehmen einen Spaziergang, um doch noch etwas von diesem Ort, wo man so viel unternehmen könnte, zu sehen. Wieder zurück, machen wir uns einen Tee und setzen uns noch draussen hin. Dann gehts unter die warme Dusche, die jedoch nur spärlich Wasser hergibt. Es ist recht kühl hier. Schliesslich sind wir auf rund 1’500 Metern. Und unser Hüttchen hat Fenster, die sich nicht schliessen lassen. Um sieben holt uns Omar zum Abendessen ab. Von einem Buffet können wir uns bedienen. Die Malaysier laden sich jeweils alles zusammen auf einen Teller. So muss es für sie komisch aussehen, wenn wir uns an Vorspeise, Hauptgang und Dessert halten. Um noch ein wenig zu verdauen, gehen wir den Weg zu Fuss zu unserer Lodge. Wir sehen die Lichter des ersten Camps, welches den Leuten, die den Mount Kinabalu besteigen, als Übernachtungsmöglichkeit dient, bevor sie morgens um drei starten, um bei Sonnenaufgang den Gipfel zu erreichen. Der Sternenhimmel und die lauten Geräusche der verschiedenen Tiere begleiten uns. Es ist sehr kühl geworden, aber im Bett haben wir endlich warm.

Endlose Autofahrt

Obwohl der Himmel gestern Abend sternenklar war, hüllt er sich heute Morgen, als wir die Viertelstunde zum Restaurant gehen, in Wolken. Auch der Mount Kinabalu ist nur zum Teil zu sehen. Um halb zehn holt uns Omar ab und führt uns als erstes zum Ausgangspunkt der Bergsteiger. Jeder, der auf den Berg will, muss sich registrieren und einen Guide mieten. Der Aufstieg dauert zwei Tage. Ein Träger, das heisst ein Einheimischer, schleppt die ganzen Lebensmittel für das Abendessen in die erste Hütte. Für den steilen Aufstieg braucht er rund sieben Stunden. Denjenigen, welchen wir sehen, schleppt 46 Kilo. Uns steht auch ein steiler Aufstieg bevor, allerdings nur bis zu einem Ort, von dem man einen guten Blick auf den Wasserfall hat, der den Berg hinab fliesst. Es soll sich dabei um den längsten Wasserfall der Welt handeln. Weiter gehts in den Botanischen Garten, der auf 1540 Metern liegt und in dem wir zahlreiche Pflanzen zu sehen und erklärt bekommen. Auf dem Weg zum Mittagessen stoppen wir beim gleichen Supermarkt, wo wir schon gestern waren. Wir gehen in den zweiten Stock, da Dani Batterien braucht, und werden dort komisch angeschaut. Was hier wohl diese zwei Touristen verloren haben? Das Mittagessen nehmen wir wie gestern bei den Poring Hot Springs ein. Danach fahren wir zur Sabah Tea Company, welche auf rund 700 Metern über Meer liegt, und können die Teebüsche bestaunen. Ausser einem Video, das uns gezeigt wird, erfahren wir aber nichts über die Teeernte und -verarbeitung. Aber ein Langhaus können wir besuchen, was sehr interessant ist. Ein solches Langhaus ist auf Pfählen gebaut kann bis zu zweihundert Meter lang und bis zu 20 Meter breit sein und eine ganze Dorfgemeinschaft beherbergen. In der Regel reiht sich in bestimmten Abständen Tür an Tür. Jede Familie besitzt einen eigenen Wohnbereich, ein bilik, das meist nur aus Wohn-Schlafraum und Küche besteht. Der freie Bereich vor den biliks ist die so genannte ruai. Sie ist quasi der Boulevard, der durch das Langhaus führt. Die Fläche vor jedem bilik gehört zum Besitz der jeweiligen Familie und muss von ihr sauber gehalten werden. Gleichzeitig ist die ruai Treffpunkt und Arbeitsraum. Hier sitzen die Frauen an ihren Web- und Flechtarbeiten, hier werden Zeremonien und Besprechungen abgehalten. Und hier versammeln sich am Morgen die Männer und erzählen sich ihre Träume der letzten Nacht, die gemeinsam gedeutet werden. In diesem Langhaus hier wird in der offenen Mitte gegessen und auf der rechten Seite schlafen die Männer, während dem die Frauen und Kinder in den Zimmern schlafen. Als Tourist kann man solch ein Zimmer auch mieten. Auf die sanitären Einrichtungen muss man jedoch verzichten und mit dem Dschungel vorlieb nehmen. Dann geht die Fahrt los nach Sandakan. 230 Kilometer, knapp drei Stunden über diese schlechte Strassen. Schlaglöcher um Schlaglöcher kommen wir vorwärts, müssen streunenden Hunden ausweichen, Lastwagen und extreme Langsamfahrer überholen. Ich habe den Eindruck, dass wir nie an unserem Ziel ankommen werden. Gegen fünf erreichen wir endlich das Sepilok Nature Resort. Unser Chalet (Nr. 12) ist geräumig und das Bad mit Naturstein-Badewanne sehr speziell. Auch die Umgebung voller Pflanzen und mit einem See sieht sehr schön aus. Allerdings fehlt uns die Zeit, dies zu geniessen, denn wir müssen packen. Morgen fahren wir für zwei Tage mit einem Boot weg und können nur das Nötigste mitnehmen. Also packen wir unsere grossen Taschen aus und picken raus, was wir brauchen und in unseren zwei kleinen Rücksäcken Platz findet. Schon ist Essenszeit. Unser Tisch ist gleich neben dem See. Mein Wunsch nach einem Vegi-Menu löst auch hier Ratlosigkeit aus. Aber das Problem ist schnell gelöst, und ich bekomme dann soviel serviert, dass ich gar nicht alles essen kann. Müde von diesem anstrengenden und nicht sehr interessanten Tag fallen wir schon früh ins Bett und freuen uns auf die kommenden Tage.

Affen!

Sowohl in Mulu als auch im Kinabalu Nationalpark hörten und sahen wir kaum Vögel, obwohl das Nahrungsangebot im Regenwald riesig ist. Aber hier herrscht am Morgen ein richtiges Pfeifkonzert. Bevor wir zum Frühstück gehen, machen wir einen Rundgang durch den Garten und am See entlang. Es ist wirklich ein schöner, idyllischer Ort. Um neun holt uns Abbas, unser neuer Reiseleiter, ab und fährt mit uns ins Sepilok Orang Utan Rehabilitation Center. Wir gehen in den Park und sehen bereits ein paar Orang Utans, die herumtollen oder einfach nur faul herum liegen. Orang Utan bedeutet übrigens in der Sprache der Einheimischen „Wilder Mann des Waldes“. Wie alle tropischen Regenwälder ist auch der von Borneo bedroht: von illegalen Brandrodungen, um die Fläche für Ölpalmen-Plantagen zu vergrössern; von grossflächigen Rodungen, um mit dem Verkauf der wertvollen Tropenhölzer Vermögen zu machen. Der Dschungel schrumpft, und seine Bewohner verlieren ihren Lebensraum. Junge Orang Utans oder -Babys, deren Mütter bei Waldbränden umgekommen sind, werden nicht von Artgenossen unterstützt und sind, falls sie nicht in ein Reservat gebracht werden, dem Tode geweiht. Denn bis zu ihrem achten Lebensjahr leben Orang Utan-Kinder bei ihrer Mutter. So lange brauchen sie, um die Gesetze des Dschungels und die Kunstfertigkeiten des Lebens in ihm zu erlernen. Obwohl Orang Utans eine geschützte Spezies sind, werden sie nach wie vor von skrupellosen Händlern gejagt, die die Körper der Tiere komplett verwerten: Knochen, Zehen und Nägel gelten bei Chinesen und Eingeborenen als wirkungsvolle Medizin gegen Erkältungen und Fieber, aber auch als kraftvolle schamanische Mittel. Das Fleisch wird als kostspielige Delikatesse nach Hongkong oder China geschmuggelt. Chinesen essen alles – ausser Sand und Steinen, sagt man in Asien. Eine weitere Gefahr, die Orang Utan-Babys und -Jungtieren droht, ist die Gefangenschaft. Im indonesischen Kalimantan werden sie bis heute illegal als Haustiere gehalten, denen man alle erdenklichen perversen Kunststücke beibringt: vom Zigarettenrauchen, bei dem sich die Tiere die Finger ansengen, bis zum qualvollen Sitzen in Sesseln. Werden diese Orang Utans zu gross und sind sie kaum noch zu bändigen, wenden sich die Besitzer an die Reservate, um ihre jetzt lästigen Hausgenossen loszuwerden. Das traurige Schicksal dieser wunderbaren Kreaturen ist dennoch besiegelt: Sie sind zu alt, um sich jemals allein im Dschungel zurechtzufinden. Nie durften sie lernen, wie man klettert, wie man sich von Ast zu Ast schwingt oder wie man hoch oben im Schutz der Baumkronen ein Nest aus Blättern baut, um sich in diesem Himmelbett zur Ruhe zu legen.
Es gibt hier auch Makaken-Affen, die allerdings wild sind. Punkt zehn steigen zwei Wärter mit Kübeln voller Nahrung auf die Plattform an einem Baum, und die Affen kommen zu ihnen und bedienen sich, an dem, was geboten wird. Es ist herrlich, ihnen zuzuschauen! Sie sind uns so ähnlich – oder wir ihnen? Manchmal spaziert auch ein Affe direkt vor uns über das Geländer. Sie sind sehr friedlich, man muss ihnen einfach Platz lassen. Die Orang Utans, die hier auf die Plattform kommen, um ihr Frühstück einzunehmen, hatten Glück im Unglück. Die Spezies, die die Schuld an ihren Leiden trägt, umsorgt sie liebevoll. Wie würden die Tiere wohl reagieren, wenn sie wüssten, dass nicht ein Feuer oder eine Kettensäge der eigentliche Verursacher ihrer Qualen ist? Würden sie, wie intelligente Ratten, die Informationen über den Feind an ihre Artgenossen weitergeben, um ihn künftig zu meiden? Als wir mit den vielen anderen Leuten auf dem Boardwalk Richtung Ausgang marschieren, sitzen zwei Makake-Affen auf dem Geländer. Sie versuchen, sich zu paaren, fühlen sich jedoch durch uns gestört. Das Weibchen zieht sich in den Wald zurück, das Männchen hingegen, wird wütend und aggressiv. Wenn sich einige Personen an ihm vorbei wagen, dürfen sie es nicht anschauen und keine Zähne zeigen, da es sich sonst noch mehr bedroht fühlen würde. Ein paar Mal macht es Anstalten, anzugreifen, aber dann wird es ihm doch zu bunt, und es verschwindet ebenfalls im Wald. In einem Besucherzentrum erfahren wir mehr über die Orang Utans, also über die Menschen des Waldes, aber auch über andere Tiere, die die Regenwälder in dieser Gegend bewohnen.
Nach diesem interessanten Besuch fahren wir in Sandakan zur Bootsanlegestelle. Dort besteigen wir ein Schnellboot, welches in horrendem Tempo über das Meer, die Sulu Sea, fährt und dann in den Kinabatang Fluss abzweigt. Durch den Fahrtwind können wir etwas abkühlen und trocknen, denn die Hitze ist mörderisch. Der Schweiss rinnt in Strömen an unserem Körper herunter. Wir halten Ausschau nach den Nasenaffen (Proposcis Monkey), die hier heimisch sind und entdecken schon bald ein paar davon, die sich in den Bäumen tummeln. Wir fahren durch das Lower Kinabatangan River Sanctuary und gehen am Mittag an Land, um im Abai Jungle Restaurant zu essen. Unserem Guide haben wir gesagt, dass ich Vegetarierin bin, uns so bekomme ich, nachdem ich mich bereits mit Reis und Gemüse vom Buffet eingedeckt habe, noch eine riesige Omelette sowie Pommes Frites. Wir unternehmen einen Verdauungsspaziergang durch den Wald, sehen jedoch, ausser vielen schönen, grossen Schmetterlingen, nichts. Am Nachmittag geht unsere Bootsfahrt weiter. 40 Kilometer in rund einer Stunde. Diesmal haben wir noch mehr Glück und sehen eine ganze Horde von Nasenaffen, die in den Bäumen herum turnen. Übrigens: Nur die Männchen haben diese lange, signifikante Nase. Wir fahren vorbei an Dörfern der Einheimischen. Es ist unglaublich, in welch einfachen, um nicht zu sagen, primitiven Verhältnissen sie leben. Um drei erreichen wir die Kinabatangan Riverside Lodge in Sukau, unser Zuhause für zwei Tage. Wir beziehen unser Haus (Nr. 3b). Ein kleines, einfach eingerichtetes Zimmer mit Bad, wie wir es erwartet haben. Um halb fünf sollten wir erneut eine Bootstour machen, diesmal mit einem anderen, kleineren Boot. Aber dunkle Wolken sind mittlerweile aufgezogen, und es donnert. Wir unternehmen einen kurzen Spaziergang, gehen aber wieder zurück, um unsere Regenjacken anzuziehen. Die Schuhe haben wir längst ausgezogen und gehen barfuss. Als wir wieder im Restaurant sind, um Tee zu trinken, beginnt es zu regnen. Das heisst, es giesst wie aus Kübeln, eine Stunde lang. Die Bootstour fällt damit buchstäblich ins Wasser. Als der Regen endlich etwas nachlässt, kehren wir in unser Zimmer zurück. Kurz später kommt unser Guide und fragt, ob wir nun doch noch gehen möchten. Aber wir verzichten, denn wir denken, dass sich die Tiere ebenfalls ein trockenes Plätzchen gesucht haben und nicht mehr zu sehen sind. Unser Tenu zum Abendessen steht übrigens schon fest: Im Zimmer finden wir zwei Sarongs, eine Art Tücher, die sich sowohl der Mann als auch die Frau um die Hüfte bindet wie ein Jupe. Nach dem Abendessen werden zwei Videos gezeigt. Eines über die Nasenaffen und eines über Sepilok. Und damit auch über die fürchterliche Abholzerei des Regenwaldes und der Vertreibung der Tiere aus ihrem natürlichen Lebensraum.

Jede Menge Wildlife

Schlecht geschlafen. Die ganze Nacht war es lärmig. Wasser tropfte von den Bäumen, Blätter und Früchte fielen auf unser Hausdach. Morgens um halb sieben sitzen wir bereits in unserem Boot zusammen mit unserem Guide und dem Bootsführer. Die Luft ist angenehm kühl, über dem Fluss liegt Nebel, was ein sehr spezielles Bild abgibt. Wir fahren auf dem breiten Teil des Flusses und biegen später ab in den Menenggul Fluss, einem kleinen Nebenfluss des Kinabatangan. Dieser ist wesentlich schmaler und deshalb übersichtlicher. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Tiere wir in welcher Reihenfolge gesehen haben, weshalb ich sie hier alle am Schluss aufführe. Weiter gehts zum Oxbow Lake. Auf diesem See halten wir an und essen unser Frühstück auf dem Boot. Ein dreilagiges Sandwich mit Käse und Ei, ein hartgekochtes Ei, kalte Pommes Frites, Melonenstücke, Kaffee und Tee gehören zum Sortiment. Auf die Cookies verzichten wir, denn wir haben genug gegessen. Es ist so wunderschön hier! Wieder einer dieser wunderbaren Momente, die so friedlich sind und man mit sich und der Welt glücklich ist. Ich stelle mir vor, was diese Leute, welche nie reisen, alles verpassen. Getreu dem Spruch: „Das Leben ist wie ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon“. Die Sonne brennt nun, aber schon sind wieder Wolken aufgezogen, und wir kehren langsam zu unserer Logde zurück.
Und hier eine Auflistung, was wir alles an Wildlife gesehen haben:
– ein grosses Wildschwein am Ufer
– zahlreiche blue-eared kingfisher, kleine blaue Eisvögel mit orangen Kopf
– stork-billed kingfisher, ein grösseres Exemplar der Eisvögel
– ein Waran, etwas mehr als einen Meter lang
– unzählige Fischreiher, die meist bewegungslos im Wasser stehen und auf einen Fisch warten
– Kormorane, hier werden sie auch Snake-Birds, also Schlangenvögel, genannt wegen ihrem langen Hals
– ein Fish Eagle, Adler
– Pyranias, allerdings harmlose
– ein kleines Salzwasserkrokodil, das sich jedoch rasch im Wasser versteckt
– Nasenaffen, die herumtollen, einmal ein grosses männliches Exemplar
– jede Menge Makaken-Affen. Sie sind immer in Bewegung, turnen von Baum zu Baum, essen Feigen
– Orang Utans. Am Ende der Bootsfahrt sehen wir ein riesiges, männliches Prachtexemplar, welches auf einem Baum sitzt, sich nur bewegt, wenn nötig, das heisst, wenn ihn die herumhüpfenden Makaken-Affen stören
– Gibbon-Affen
– Hornbills, Nashornvögel
– ein Strauch voller Schmetterlinge
Als wir nach unserer Rückkehr zum Restaurant gehen, sehen wir ein Eichhörnchen, das sich über einen Baum schwingt. Später, beim Mittagessen, spaziert es gemütlich durch das Restaurant und balanciert auf einem Geländer. Nach einer Siesta und einem Zvieri in Form von leckeren, frittierten Banänchen, starten wir um Viertel vor vier zu unserer nächsten Bootsfahrt. Wiederum biegen wir in einen schmaleren Flussarm ab. Später wird der Fluss nochmals schmaler, so dass wir öfters aufpassen müssen, dass uns nicht ein Ast erwischt. Was wir sehen, ist unglaublich:
– yellow spotted cat snake, eine dünne Schlange, die auf einem Ast sitzt
– yellow-tailed cat snake, eine dicke Schlange, die aufgerollt auf einem Baum sitzt
– Hornbills, Nashornvögel, aber sehr scheue
– und Affen, Affen, Affen:
  – grosse Familien von Makaken-Affen
  – grosse Horden von Nasenaffen
Als die Sonne noch stark scheint, sind die Affen sehr aktiv, schwingen sich von Baum zu Baum, von Ast zu Ast, essen Früchte, streiten sich. Einmal kommen wir ganz nahe an sie heran. Als wir später umkehren und die Sonne schon tief steht, hocken sie auf den Bäumen und dösen bereits vor sich hin. Abbas gibt mir zwischendurch sein Fernglas, so dass ich die Affen von nahe sehen kann. Es ist einfach unbeschreiblich! Vor allem die Nasenaffen sehen so interessant aus. Zufrieden kehren wir zur Lodge zurück. Auch hier hören wir noch den Laut der Nasenaffen und zwar von den Boysgroups, den Batchelors, also den Junggesellen-Gruppen. Zu hören sind auch die Gesänge der Muslime zum Abendgebet. In jedem Zimmer hat es übrigens an der Decke einen Pfeil, manchmal steht „Kiblat“ darauf. Damit wir die Richtung nach Mekka gezeigt. Zum Abendessen gibts für mich, wie bereits üblich, eine Omelette und diesmal noch Pommes Frites, wofür mich unsere Tischnachbar beneiden. Und so finde ich dankbare Abnehmer, als ich nicht alle Frites esse. Wir gehen früh zu Bett, denn auch morgen ist nichts mit Ausschlafen. Um sieben wird bereits das Frühstück serviert.
Heute war ein wunderschöner Tag, meiner Ansicht nach, der schönste der ganzen Tour, denn so viele Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu sehen, ist unglaublich. Und das Wetter hat sich auch von seiner besten Seite gezeigt, was ja hier nicht selbstverständlich ist.

Krokodile und Schlangen

Morgens um sieben wird uns ein grosszügiges Frühstück serviert: Spiegelei, weisse Böhnchen an Tomatensauce, Würstchen, dazu Toast, Butter, Konfitüre und zum Dessert Honigmelonen. Dann fahren wir mit dem Boot zusammen mit zwei weiteren Pärchen, zwei Guides und dem Bootsführer Richtung Sandakan und halten Ausschau nach Tieren. Von weitem sehen wir auf einer Sandbank Wildschweine. Etwas später sonnt sich etwas auf einer Sandbank: Ein Krokodil! Wir kommen nahe heran, so dass wir es gut beobachten können, bevor es sich zu sehr gestört fühlt und davon schwimmt. Etwas später das gleiche Schauspiel. Wieder ein Krokodil, etwa gleich gross, wieder schwimmt es nach einer Weile davon. Nach einer Weile sehen Dani und ich noch einen Nasenaffen, der in der Nähe des Ufers im Gras sitzt und etwas frisst. So süss! Wir machen Halt am gleichen Ort, wo wir bei der Hinreise das Mittagessen eingenommen haben, und geniessen eine Teepause. Dabei sehen wir eine kleine Schlange, die sich über Pflanzentöpfe schleicht. Als wir auf Sandakan zusteuern, sind dunkle Wolken aufgezogen. Unser Kapitän entscheidet sich deshalb für einen anderen Weg. Und so kurven wir in zügigem Tempo durch eine relativ schmale Wasserstrasse entlang des Sulu Meeres, welche von Mangrovenbäumen gesäumt ist. Nach gut zweieinhalb Stunden erreichen wir Sandakan. Dort besuchen wir den Puh Jih Syh Chinese Buddhist Temple, also einen chinesischen, buddhistischen Tempel, welcher 1987 eröffnet wurde und auf einem Hügel thront. Im Vergleich zu den zahlreichen schönen Tempeln, die wir in Thailand besucht haben, sieht dieser hier sehr kitschig aus mit dem vielen Plastik. Einzig die Lage ist ein Besuch wert. Der Fahrer zeigt uns drei Schlangen, die es sich in einem Baum gemütlich gemacht haben. Da sie jedoch grün sind, braucht es eine Weile, bis wir sie erblicken. Unsere Tour endet im Hotel Sabah. Da wir auf ein Raucherzimmer gleich neben einer Toilette verzichten, müssen wir warten, bis ein anderes Zimmer frei wird. Wir setzen uns eine Weile an den Swimming Pool und gehen später essen. Nach ein Uhr ist dann unser Zimmer im vierten Stock (Nr. 406) frei und wir können einziehen. Nachmittags gehen wir auf Erkundungstour. Unweit des Hotels befindet sich ein Aussichtspunkt. Dieser wurde 1969/70 im Auftrag des Rotary Clubs gebaut. Heute sind die Bäume aber so sehr gewachsen, dass nur noch ein spärlicher Blick auf die Stadt und das Meer möglich ist. Ein paar Meter weiter führen 100 steps, also hundert Stufen sowie ein Weg durch einen Wald in die Stadt hinunter. Wir kämpfen uns durch die Strassen. Unglaublich viel Verkehr, viele Leute und viel Gestank. Eben wieder eine dieser asiatischen Städte, wenn auch diesmal eine eher kleine. Wir gehen in einen Supermarkt, um Getränke zu kaufen und amüsieren uns einmal mehr über das Angebot, aber auch über die billigen Preise. Das Gedränge ist mühsam. Ich werde mich nie mehr im Coop über zu viele Leute beklagen! Nachdem wir genug gesehen haben, treten wir den Rückweg an. Muslimische Schülerinnen in lange Tücher gehüllt und mit Kopftuch begrüssen uns überschwänglich. Auch andere Einheimische grüssen freundlich. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob sie uns anlächeln oder auslachen. Auf den Fall müssen wir für sie in unseren kurzen Hosen und den Trekkingschuhen ein komisches Bild abgeben. Als wir im Hotel ankommen, sind wir ausser Atem und nass geschwitzt. Wir gönnen uns eine Pause im kühlen Zimmer, bevor wir uns noch eine Weile an den Pool setzen und auch eine paar Runden schwimmen. Das Sabah Hotel ist übrigens das einzige Hotel in Sandakan, das über ein Schwimmbad verfügt. Und von hier sind wir übrigens nur 27 Kilometer von den Philippinen entfernt. Am Abend können wir uns nicht dafür begeistern, in eines der beiden Hotel-Restaurants essen zu gehen, und in der Stadt ist nicht allzu viel los. Also bestellen wir beim Room Service zwei Pizzas. Nach mehr als einer Woche Reis, immer das gleiche Gemüse und Poulet oder Fisch schmecken diese vorzüglich.