Ein indisches (Whiskey-) Erlebnis

Unser Liegenschaftsagent Neer hat versprochen, uns zum Abendessen einzuladen, um unseren Hauskauf zu feiern. Nachdem er erfahren hat, dass ich Vegetarierin bin, ebenso wie seine Frau, schlägt er vor, uns zu sich nach Hause einzuladen. Wir freuen uns auf ein richtiges indisches Curry. Wir folgen Neers Rat und nehmen ein Uber-Taxi, denn es könnte ein feuchtfröhlicher Abend werden. Neer und seine Frau Bhakti empfangen uns herzlich und führen uns durch ihr grosses Haus. Im ersten Stock haben sie sich ein TV-Zimmer eingerichtet und darin steht etwas, das aussieht wie ein normaler Schrank. Aber es ist ein Schrank mit interessantem Innenleben. Neer öffnet ihn und zum Vorschein kommt eine reich bestückte Bar mit Kühlschrank. Ein paar Flaschen finden den Weg zum Esstisch, wo wir es uns gemütlich machen – die Männer mit Whiskey und wir Frauen mit einem Cocktail und zum Glück auch etwas zum Knabbern. Neer erklärt uns, dass es indische Tradition sei, zuerst zu trinken und dann erst am späten Abend zu essen. Das kann ja heiter werden, denke ich mir. Und das wird es auch. Ich lehne ein viertes Cocktail dankbar ab, um noch einen klaren Kopf zu haben, was man von unseren Männern nicht mehr behaupten kann. Ihre Diskussionen werden wirrer und wirrer, und Neer kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Auch Dani findet den Weg zum Badezimmer nur schwankend. Mittlerweile ist es nach zehn Uhr – wir sind seit fünf Stunden dort – als endlich zwei verschiedene Currys mit Reis und Naan auf den Tisch kommen. Ich geniesse das Essen, während Dani zu einem Monolog ansetzt und die indische Küche sowie Neers und Bhaktis Gastfreundschaft in den höchsten Tönen lobt. Das ist ja lieb, aber völlig übertrieben und gar nicht Danis Stil. Am liebsten möchte ich ihn zurechtweisen und ihm sagen, dass er jetzt still sein und einfach essen soll, aber das wäre unhöflich. Und so bin ich froh, als er nach einiger Zeit doch noch verstummt. Neer und Dani schnappen etwas frische Luft, was ihnen gut tut, bevor wir noch ein Dessert serviert erhalten. Zu sagen ist, dass es noch einen Mitbewohner gibt und zwar Sheldon. Sheldon ist eine Schildkröte, die zuerst im Wohnzimmer herum spaziert und nun zurück in ihrem Terrarium ist – welches auf dem Esstisch steht. Während wir also trinken und essen, krabbelt und schwimmt sie in ihrem zuhause herum und sieht uns zu. Es ist bald Mitternacht, als uns ein Taxi nach Hause bringt. Dani ist rasch im Bett, während ich den Abend nochmals Revue passieren lasse und lachen muss. Das ganze war Komik pur! Die beiden Männer, die ein Glas Whiskey nach dem anderen “degustieren”, Bhakti und ich, die sich verständnisvolle Blicke zuwerfen sowie Sheldon, die Schildkröte, die ebenfalls Teil unserer fröhlichen Runde ist.
Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass sich Dani überhaupt nicht mehr an das Essen erinnern kann. Er weiss, was vorher war, er erinnert sich an das Dessert, aber was das Curry und seine Rede betrifft, so hat er ein absolutes Blackout. Unglaublich! Er bedankt sich bei Neer per SMS für den Abend und entschuldigt sich auch, falls er sich unangemessen benommen haben sollte. Neer schreibt zurück, dass ihn seine Frau gescholten habe. Unsere lieben Männer…

Start unseres Projektes

Wenn die Leute einem hier fragen, ob man ein “Project” habe, dann meinen sie damit, ob man mit dem Bau oder Umbau eines Hauses beschäftigt ist. Und das können wir bestätigen. Unser Hausbau-Projekt ist gestartet. Bereits eine Woche nach der Auktion haben wir uns mit Megan getroffen, die für unsere gewählte Baufirma arbeitet und die Koordination übernehmen wird. In diesem ersten Gespräch haben wir unsere Anforderungen und Wünsche an unser neues Eigenheim formuliert. Letzten Sonntagmorgen haben wir mit unserer Juristin die nötigen Papiere für den Kauf unterschrieben und danach das Geld überwiesen. Gleichentags fand Abends das sogenannte Pre-settlement statt. Dieses findet üblicherweise ein paar Tage vor der eigentlichen Schlüsselübergabe statt, und gibt dem Käufer die Möglichkeit, zu prüfen, ob sich die Liegenschaft und allfälliges Mobiliar noch im gleichen Zustand befinden, wie bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages.
Und heute ist Schlüsselübergabe. Dies ist jedoch ein unspektakuläres Ereignis. Dani trifft sich nach der Arbeit mit Neer, unserem Liegenschaftsagenten, und erhält sämtliche Schlüssel und Informationen. Ab sofort sind wir also wieder stolze Besitzer eines Hauses, wobei für uns ja das Land und nicht das Haus zählt, und wir freuen uns auf eine “exciting time”!

Woche der Trauer

Das schreckliche Attentat in Christchurch vom letzten Freitag hat auch uns nicht unberührt gelassen. Und wie alle Leute in Neuseeland, und ich denke, überall auf der Welt, wo darüber berichtet wurde, fragen auch wir uns: Wie konnte das geschehen? Hier, in diesem Land, wo so viele Nationalitäten und Religionen friedlich zusammen leben; wo eine Kirche, gleich um die Ecke eine Moschee und etwas weiter weg ein Tempel steht. Vor kurzem habe ich mich mit einer Arbeitskollegin, die aus Holland stammt und seit neun Jahren hier lebt, über das Thema Sicherheit unterhalten. Und wir waren uns einig, dass wir uns hier sehr sicher fühlen im Gegensatz zu Europa, wo in den letzten Jahren so viel passiert ist. Aber nun ist es auch hier geschehen, und wir fragen uns: Ist es erst der Anfang, oder war es nur eine Einzeltat?
Am Montag nach dem Anschlag war die Stimmung im Büro sehr bedrückt. Morgens um neun wurden die Teams auf unserer Etage informiert, dass einer unserer Mitarbeiter in Christchurch sein Leben lassen musste. Wir waren schockiert. Er hatte seit einem Jahr für unsere Firma gearbeitet, stammte aus Pakistan, und seine Familie lebt noch immer dort. Ein Spendenkonto wurde eingerichtet, und bis Ende Woche kamen über 100’000 NZD zusammen, um seine Hinterbliebenen zu unterstützen. Vor dem Mittag gab es ein weiteres Zusammentreffen mit allen Mitarbeitenden, und mehr Informationen wurden bekannt. Während einer Schweigeminute konnten viele ihre Tränen nicht zurückhalten – ich gehörte auch dazu. Die ganze Woche gab es in den Medien nur dieses eine Thema. Und heute wurden wiederum zwei Schweigeminuten eingelegt. Auf das Spendenkonto “give a little” wurden über 9 Mio. NZD eingezahlt, was die Solidarität und Anteilnahme bestätigt. Und Neuseeland wird um seine Premierministerin, Jacinda Ardern, bewundert. Sie hat in dieser schweren Zeit Kraft und Führungsqualitäten und vor allem Authentizität gezeigt. Auch ist sie dafür verantwortlich, dass innerhalb kürzester Zeit ein Gesetz verabschiedet wurde, das den Besitz von Sturmgewehren, leistungsstarken Magazinen und halbautomatischen Waffen verbietet.
Wir hoffen, dass die Tränen des weinenden Kiwis, welcher der Karikaturist Shaun Yeo gezeichnet hat, bald versiegen werden, und er seinen Kopf wieder aufrichtet und optimistisch in die Zukunft blickt.

Zum ersten, zum zweiten, zum…es ist unser!

Unzählige Häuser haben wir uns bis heute angeschaut, eine Offerte eingereicht und an vier Auktionen teilgenommen, um ein Gebot abzugeben. Alles ohne Erfolg. Heute nehmen wir an einer weiteren und somit der fünften Auktion teil. Die Liegenschaft kam vor rund einem Monat auf den Markt und war wie folgt ausgeschrieben:

Nana says Goodbye ((Nana steht als Kosename für Grossmutter))
After 61 happy years, Nana has finally decided to hang up her boots and move into a retirement home. It’s your opportunity to establish your family now in this much-loved home. Comprising 2 extra big double bedrooms, this home is situated on an elevated site of 612 m2 in Mixed Housing Urban zone. Unlimited options here, great to live in as is where is, or extend and modernize or build multiple dwellings here. Built to last his home has double cladding with the stucco going over weatherboards. Conveniently located in New Windsor with easy access to local schools, shops, SH20 and the new motorway link, and just a short drive to LynnMall, St Lukes shopping centre and the CBD. Enjoy beautiful sunsets from this elevated site over the Waitakere ranges. Sites like this are hard to find. Don’t let this opportunity go by.

Anfang Februar haben wir uns die Liegenschaft angesehen, und uns war gleich klar, dass wir an der Auktion teilnehmen würden, da uns die Lage zusagt, sich auf dem Grundstück problemlos bauen liesse und es in unserem Budgetbereich liegen könnte. Letztes Wochenende waren wir nochmals dort, und heute findet schliesslich die Auktion statt. Dani ist etwas aufgeregt, ich versuche jeweils, nicht allzu viel Emotionen aufkommen zu lassen, damit die Enttäuschung nicht zu sehr schmerzt. Es sind nicht sehr viele Leute da. Neer, der Liegenschaftsagent erklärt uns, dass wir es nur mit ein bis zwei weiteren Bietern zu tun haben würde, wobei sich dann eine Partei abmeldet. Die Auktion beginnt. Diesmal liegt das Eröffnungsgebot in unserem Bereich, und wir duellieren uns mit der anderen Bieterpartei, bestehend aus zwei Männern. Je höher der Preis steigt, desto mehr beginnen sie zu zögern, bis sie schliesslich aussteigen. Das Haus ist jedoch noch nicht “on the market”, was heisst, dass der verlangte Preis noch nicht erreicht ist. Die Auktionatorin unterbricht die Auktion, und Neer geht ins Haus, um sich mit der Verkäuferin und ihrer Familie zu beraten. Meine Nerven liegen blank, und ein paar Tränen kullern. Unser Traum liegt so nahe, aber trotzdem können wir immer noch scheitern. Neer kommt zurück und meint, dass wir näher bei der nächsten 100’000er-Grenze sein müssten. Ich schüttle den Kopf und sage, dass wir uns dies nicht leisten könnte. Er meint, dann müssten wir wenigsten die nächste 50’000er-Grenze erreichen. Dani sagt schon fast zu, während ich 10’000 weniger biete. Neer verschwindet wieder und kommt dann mit der freudigen Nachricht zurück, dass unser Gebot akzeptiert würde. Die Auktion wird fortgesetzt, die Gegenpartei wird nochmals gefragt, ob sie bieten möchte. Als sie verneint, fällt der unsichtbare Hammer zu unseren Gunsten. Die Leute applaudieren, und Neer, ein weiterer Mitarbeiter der Liegenschaftsfirma sowie die Auktionatorin gratulieren uns. Ich kann meine Tränen nicht mehr zurück halten, und auch Dani hat feuchte Augen. Wir gehen ins Haus und lernen Nana und ihre Familie kennen. Nana ist über 80 Jahre alt, hat 60 Jahre in diesem Haus gewohnt und ihre Kinder grossgezogen. Sie wird nun in ein Altersheim ziehen, und irgendwie tut sie mir auch ein bisschen leid. Wir unterschreiben den Kaufvertrag und leisten die verlangte Anzahlung von 10 % via e-banking, solange wir noch einen einigermassen klaren Kopf haben. Denn Dani darf dann den Korken einer Flasche Champagner knallen lassen, und wir stossen auf unser Glück an. Danach dürfen wir den “Sold”-Kleber auf das Verkaufsplakat kleben, begleitet von einem Fotoshooting, und schliesslich können wir als glückliche, neue Haus- beziehungsweise Landbesitzer nach Hause gehen. Nach rund einem halben Jahr Suche sind wir also fündig geworden und werden unseren Traum von einem neuen Eigenheim, gebaut nach unseren Vorstellungen und Wünschen, erfüllen können. Der ganze Planungsprozess und die Bauphase werden uns in den nächsten Monaten sicherlich sehr fordern und auch viele Diskussionen mit sich bringen. Aber wir freuen uns darauf.
Ach ja: Geburtstage scheinen zurzeit einen guten Einfluss auf uns zu haben. Mein Stellenangebot habe ich an Danis Geburtstag erhalten, und heute hat meine Gotte, eine wichtige Person in meinem Leben, Geburtstag (Happy Birthday to you, me dear!).

Die Auktion:

Die erste Arbeitswoche

Bereits habe ich meine erste Arbeitswoche als Personal Assistant bei PricewaterhouseCoopers PwC hinter mir. Am Montag wurde ich von meinem Buddy, einer Kollegin, die sich während meiner Einarbeitungszeit um mich kümmert, herzlich empfangen. Am Mittag wurden wir zwei sowie unsere Teamleiterin von unserer Chefin zum Mittagessen eingeladen, und nach und nach lernte ich die anderen Mitarbeitenden kennen. Viel Zeit verbrachte ich während dieser Woche auch mit e-learning, um mich mit den geltenden Regeln, dem neuen Bereich sowie den Computerprogrammen vertraut zu machen. Mein erster Eindruck ist positiv. Die Leute sind sehr freundlich und hilfsbereit, und es herrscht eine angenehme Atmosphäre.
Wer erinnert sich noch an meinen Blog-Eintrag vom 26. Oktober 2018? “Mein Wunsch ist es, in einer grösseren Firma im Stadtzentrum zu arbeiten…natürlich in einem der Hochhäuser und einem Büro mit Blick auf das Meer. Auf letzteres könnte ich schweren Herzens verzichten, wenn alles andere stimmt.” Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen, und ich muss auf nichts verzichten: Ich arbeite in einer grossen Firma im Stadtzentrum. Mein Büro ist in einem der Hochhäuser und zwar im 25. Stock, und wenn ich von meinem Pult aufstehe, blicke ich auf das Meer. Anzumerken ist, dass PwC lediglich sieben der dreissig Stockwerke belegt. Am Mittag esse ich entweder in der Küche mit Meersicht (siehe Fotos), oder ich setze mich an die Sonne am Hafen. Und zurzeit baut PwC neben unserem Gebäude das höchste Gebäude Neuseelands, und im nächsten Jahr werden wir dort einziehen. Was will Frau Meer!

Cathedral Cove

Wie befürchtet, hat die Sonne heute keine Lust aufzustehen, sondern bleibt gemütlich hinter den Wolken liegen. Wir packen und frühstücken im gleichen Restaurant, wo wir bereits im November mit Rolf waren. Danach fahren wir nach Hahei, dem Ausgangspunkt für unsere Wanderung zur Cathedral Cove. Auf dem Weg zu dieser Felsgrotte beginnt es zu regnen. Wir suchen Schutz unter den Bäumen, bis der Regen etwas nachgelassen hat. Schliesslich erreichen wir Cathedral Cove. Ein riesiger Torbogen, der eine Kathedralen ähnliche, spitz zulaufende Decke aufweist, durchbricht eine weisse Kalkstein-Felszunge und verbindet die zwei Buchten Mare’s Leg Cove und Cathedral Cove. Dieser Ort gehört zu den schönsten auf der Coromandel Halbinsel, aber auch auf der ganzen Nordinsel. Nachdem wir uns satt gesehen haben, treten wir den Rückweg an. Unterwegs machen wir einen Abstecher zur Stingray Bay und zur Gemstone Bay. Während die Stingray Bucht über einen schönen Strand verfügt, besteht die Gemstone Bucht nur aus Felsen, ist aber bekannt für ihren Schnorchel-Trail. Nachdem wir schon gestern etliche Kilometer zu Fuss zurückgelegt haben, sind heute noch einige dazu gekommen, und entsprechend müde sind wir. So fahren wir gemütlich nach Hause.
Wir haben dieses verlängerte Wochenende sehr genossen. Sicherlich werden wir wieder einmal ein paar Tage in Coromandel verbringen, denn dieses Paradies liegt nur rund zweieinhalb Fahrstunden von unserem Zuhause entfernt.

Auf Captain Cooks Spuren

Nach dem Frühstück, das wir bereits am Vorabend auf das Zimmer geliefert bekommen haben, starten wir unsere Wanderung bei schönstem Sommerwetter. Zuerst nehmen wir die Fähre, die uns zur gegenüberliegenden Mercury Bay bringt. Captain Cook hatte diese Bucht benannt, nachdem er den Transit des Merkur vor der Sonne beobachtet hatte. Der Maramatotara Track führt uns zu einem neuen Lookout, von welchem wir nach Whitianga blicken. Über Flaxmill Bay gelangen wir zum Shakespeare Cliff Scenic & Historic Reserve. Auch hier war Cook Namensgeber. Er meinte, in den Klippen das Profil von Shakespeare zu sehen – nach wie vielen Flaschen Rum ist unbekannt. Begleitet werden wir übrigens vom Zirpen der Zikaden. Das Wort Zirpen klingt so harmlos. In Tat und Wahrheit machen diese Viecher einen beachtlichen Lärm und sind auch zuhause in unserem Garten zu hören. Weiter geht es zur Cooks Beach. Cook gefiel dieser Strand und benannte ihn deshalb gleich nach ihm selber. Dort suchen wir vergebens nach dem Cook Memorial, bis ich denke, da war doch etwas. Eine kurze Google-Suche bestätigt: Das Memorial fiel im Juli 2018 einem Erdrutsch zum Opfer, und wir finden schlussendlich das beschädigte Betonelement. Für den Rückweg verlassen wir den Strand und wandern stattdessen durch das Quartier mit schönen Häusern. An der Flaxmill Bay geniessen wir ein Ice Cream, bevor wir mit der Fähre zurückfahren. Nach einer verdienten Pause genehmigen wir uns ein Apéro, bevor es dann später zum Abendessen geht. Unsere heutige Wahl ist auch nicht schlecht. Das Restaurant Salt ist an schöner Lage, und das Essen schmeckt.

Doppelter Anlass zum Feiern

Am Morgen muss ich in die Stadt und zu einem zweiten Bewerbungsgespräch antreten. Danach möchte ich mich auf den Heimweg machen, aber die Arbeiter im Busdepot haben kurzerhand beschlossen, zu streiken. Und so stehe ich einsam und verlassen an der Bushaltestelle, bis ich mich entschliesse, an den Bahnhof zu marschieren und den Zug zu nehmen. Dani holt mich dann mit dem Auto am Bahnhof ab. Nun können wir unsere Koffer packen, und am Mittag losfahren.
Dani feiert heute Geburtstag, und zu diesem Anlass werden wir drei Tage in Whitianga auf der Coromandel Halbinsel verbringen. Allerdings war es recht schwierig, eine Unterkunft zu finden, da dies ein beliebtes Reise- und Ausflugsziel ist. Im Oceanview Motel konnten wir noch ein Apartment ergattern. Und der Name trügt nicht. Von unserem Zimmer sehen wir direkt auf den Buffalo Beach und das Meer – allerdings führt auch die Strasse vor unserem Motel vorbei, aber das haben wir gewusst. Der Buffalo Beach ist der schönste und mit mehr als fünf Kilometern längste Strand von Whitianga. Wir packen nur kurz aus und spazieren dann zu The Lost Spring. Alten Überlieferungen zufolge sollte sich auf der Coromandel Halbinsel eine in Vergessenheit geratene vulkanische Quelle befinden. 1988 begann dann jemand zu buddeln, entdeckte die Quellen und baute das Spa-Vergnügen. Aus 667 Metern tiefen Quellen sprudelt nun 16’000 Jahre altes Wasser mit Mineralien versetzt, denen eine heilende Wirkung zugesagt wird. Verschiedene Pools mit Wassertemperaturen zwischen 32 und 41 Grad laden zum Planschen ein. Und das tun wir und geniessen dazu auch noch einen Drink.
Für das Abendessen haben wir uns einen Tisch im Poivre & Sel reserviert. Der Name ist nicht zufällig gewählt. Das Restaurant wird von einer Familie aus Frankreich betrieben, die vor sieben Jahren nach Neuseeland ausgewandert ist. Das Essen schmeckt vorzüglich, und die Präsentation kann sich sehen lassen, was man hier nicht allzu oft behaupten kann. Dazu geniessen wir eine Flasche Weisswein einer unserer Lieblings-Winzer und vorab ein Kir Royal. Denn schliesslich gibt es zwei gute Gründe, um anzustossen: Auf Dani’s Geburtstag – und auf meinen neuen Job!
Diese Woche hatte ich vier Bewerbungsgespräche. Das erste war am Dienstag bei PricewaterhouseCoopers PwC. Dieses Interview mit der Teamleiterin und einer HR-Mitarbeiterin verlief sehr angenehm und gut. Nach einer halben Stunde erhielt ich bereits die Einladung für das heutige zweite Gespräch. Dieses war mit einer der Partnerinnen, das heisst meiner zukünftigen Chefin. Wir verstanden uns sehr gut, trotzdem wagte ich keine Prognose, ob ich den Zuschlag erhalte würde. Nachmittags um vier war es dann klar: Per Mail erhielt ich die sogenannte Offer of Employment. Diese gilt unter der Bedingung, dass ich zwei Referenzen angebe und deren Auskünfte über mich gut sind. Ich, auf der anderen Seite, kann das Angebot auch ablehnen beziehungsweise noch verhandeln. Wenn also alles gut läuft, werde ich ab dem 25. Februar Personal Assistant im Assurance-Bereich von PwC sein. Und darüber freue ich mich. Die Stellensuche verlief doch recht harzig und war auch sehr zeitaufwändig. Rund 120 Bewerbungen habe ich in fünf Monaten geschrieben, und wurde zu sechs Bewerbungsgesprächen bei Firmen und zehn bei Stellenvermittlungen eingeladen. Die Zusammenarbeit mit den Stellenvermittlungen war, mit Ausnahme von zweien, sehr enttäuschend, da man für diese oft nur eine Nummer ist. Aber ich konnte während dieser Zeit wertvolle Erfahrungen sammeln, die mir bei einer zukünftigen Stellensuche nützlich sein werden.

Allerlei Interessantes

Am Nachmittag habe ich in der Stadt ein Vorstellungsgespräch für eine achtwöchige Temporärstelle. Dieses verläuft nicht besonders gut. Gesucht wird wohl eine Kombination aus Superwoman, Batwoman und Elastic Girl. So macht es mir nichts aus, dass ich wohl nicht die Glückliche sein werde, wenn ich diesen Ausdruck überhaupt verwenden will, denn die jetzige Stelleninhaberin macht einen sehr erschöpften Eindruck.
Den restlichen Nachmittag verbringe ich in der Stadt. Das Wetter ist traumhaft: Sonne pur, aber dank dem Wind nicht zu heiss. Ich schlendere an den Hafen und sehe der Fussgänger- und Fahrradbrücke “Wynyard Crossing” zu, wie sie sich öffnet, um den Schiffen Platz für die Durchfahrt zu machen, und sich wieder schliesst. Ich glaube, ich habe das noch nie fotografisch festgehalten. Die Brücke ist 100 Meter lang und verbindet seit 2011 den Viaduct Harbour mit dem neu gestalteten Wynyard Quarter. Dann setze mich auf ein Bänkchen, blicke aufs Meer und bin ganz einfach zufrieden, hier sein zu dürfen. Das heisst, eigentlich denke ich: Wow, was für ein Glück, den Traum vom Leben am Meer verwirklicht zu haben!
Am Abend treffe ich mich mit Dani, und wir besuchen eine Veranstaltung, die “The New Zealand Institute of International Affairs” organisiert. Und zwar referiert Dr. David Vogelsanger, zum Thema “Die Schweiz im Herzen Europas, aber ausserhalb der Europäischen Union”. Er ist seit 2014 der Schweizer Botschafter in Neuseeland und zudem akkreditiert für Cook Island, Fiji, Samoa, Tonga und Tuvalu. Seine Ausführungen zur Schweiz sind für uns nicht ganz neu, und trotzdem bietet er ein paar Zahlen und Vergleiche zwischen den beiden Ländern, die interessant sind. Anschliessend besuchen wir den monatlichen offiziellen Event von InterNations und lernen auch diesmal neue Leute kennen, die entweder erst seit kurzem in Auckland leben oder zum ersten Mal an diesem Anlass teilnehmen.

Aucklands Geburtstag

Morgen wird der Auckland Anniversary Day gefeiert. Das heisst, eigentlich ist es erst der 29. Januar, aber der Feiertag wird kurzerhand auf einen Montag verlegt, damit wir ein verlängertes Wochenende geniessen können. Wie bereits letztes Jahr, finden viele Aktivitäten statt. Gestern haben wir das Seaport Festival besucht, an welchem die Captain Cook und Marsden Wharves ihre Tore öffnen. Der Frachthafen ist sonst geschlossen und bietet nur während diesen drei Tagen einen Blick hinter die Kulissen der beiden Werften. Heute sind wir am Abend, nach einem Kinobesuch, am Hafen. Das Auckland Symphony Orchestra spielt, und die Frauenband The Ladykillers gibt Hits aus vergangenen Jahren zum Besten. Zum Ausklang wird um zehn Uhr ein Feuerwerk gezündet, das die Zuschauer zum Staunen bringt.
Wir haben das Wochenende und die Abwechslung zur mühsamen Haus- und Jobsuche genossen.